09.12.2014
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Einleitung: 

Die real existierende parlamentarische Demokratie sei keine echte Demokratie, sagt Ashish Kothari, Vorsitzender von Greenpeace Indien. Statt nur alle vier oder fünf Jahre zu wählen und die Entscheidungen dann einer kleinen Elite zu überlassen, die oft gegen die Interessen ihrer eigenen Bevölkerung handelt, sei es notwendig, dass jeder einzelne Verantwortung übernimmt. Die Bewohner des indischen Dorfes Mendha-Lekha etwa praktizieren erfolgreich eine „radikale ökologische Demokratie“, in der alle an den Entscheidungen, die die Gemeinschaft betreffen, beteiligt sind. Eine solche Basisdemokratie sei dringend notwendig; Indiens Wirtschaftswachstum habe in den letzten Jahrzehnten zu massiven ökologischen Verwüstungen und einer tiefen sozialen Spaltung des Landes geführt: Regierung und Großunternehmen kolonisierten ökonomisch sowohl die eigenen indigenen Bevölkerungen als auch andere Länder, etwa durch „land grabbing“, so Kothari.

Gäste: 

Ashish Kothari, Vorsitzender von Greenpeace India / Radical Ecological Democracy Network

Transkript: 

Ashish Kothari: Radikale Ökologische Demokratie ist im Grunde eine simple Idee. Die heutige Form der Demokratie ist eine Repräsentative Demokratie und keine echte Demokratie, weil wir nur einmal alle 4 oder 5 Jahre wählen und es dann im Grunde den Gewählten überlassen, das zu tun, was für uns – angeblich – richtig ist. Und wir wissen, dass das oft nicht in unserem Sinne läuft. In einer radikalen oder direkten Demokratie geht es darum, dass jeder von uns Verantwortung übernimmt, Teil nimmt und das Recht hat, an Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen, Teil zu haben. Das ist der radikale oder direkte Aspekt dieser Demokratie. Aber die Entscheidungsfindung muss auch die Ökologie berücksichtigen und für soziale Fragen sensibel sein, sodass nicht die Hälfte der Menschheit im Stich gelassen wird. Radikale ökologische Demokratie ist also eine Form von Entscheidungsprozess, der auf Nachhaltigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und der Mitwirkung von allen beruht.
Dafür gibt es jede Menge Beispiele. Im Zentrum Indiens etwa gibt es ein kleines indigenes Dorf, das exemplarisch für diese Ideen steht. Die Leute dort sagen: In Delhi und Mumbai ist die Regierung, die wir wählen. In unserem Dorf sind wir die Regierung. Dieses Dorf verwaltet sich praktisch seit 30 Jahren selbst: Sie fällen Entscheidungen im Konsens, und der Staat kann dort nicht ohne Genehmigung des Dorfrats intervenieren. Sie bemühen sich auch, für ihre Entscheidungen eine adäquate Wissensgrundlage zu schaffen, die einerseiits auf ihrem lokalen, traditionellen Wissen beruht; auf der anderen Seite werden aber auch Menschen von außerhalb eingeladen, sodass es eine solide Grundlage gibt, um Entscheidungen zu fällen. Es gibt viele solcher Beispiele, wo Menschen den Entscheidungsprozess selbst in die Hand nehmen.

Fabian Scheidler: In den letzten zwei Jahrzehnten hat Indien erstaunliche Wachstumsraten erlebt. Was sind die Ökologischen und sozialen Folgen dieses Wachstums?

Ashish Kothari: Seit 1991 ist Indien in eine neue ökonomische Phase eingetreten und hat sich der Weltwirtschaft geöffnet – mit zum Teil sehr hohen Wachstumsraten. Wir haben das detailliert analysiert und herausgefunden, dass in praktisch allen wichtigen Bereichen – sei es Armut, soziale Ungleichheit oder Umweltbelastung, Arbeitsplätze oder Existenzsicherung – die Situation sich nicht nur nicht verbessert hat, sondern für die ärmere Hälfte Indiens sogar noch schlimmer geworden ist, als sie es je war. Selbst wenn die Löhne in einigen Fällen gestiegen sind, müssen die Menschen in vielen anderen Fällen immer mehr entbehren: gutes Essen, sauberes Wasser, saubere Luft, Zugang zu Bildung und Gesundheit. Wir stellen also fest, dass eine Vielzahl von ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Aspekten negativ beeinflusst wurden. Ökologisch sind wir klar auf einem nicht-nachhaltigen Kurs. Das zeigt sich in allen durchgeführten Studien; es zeigt sich auch daran, dass Indien zunehmend andere Länder kolonisiert – indem es sich des fruchtbaren Bodens, der Wälder und anderer Ressourcen von schwächerer Staaten bemächtigt. Indien, als ein Land, das 200 Jahre kolonisiert wurde und all die destruktiven Folgen davon erlebt hat, tut jetzt anderen dasselbe an – und zwar aufgrund eines ökonomischen Modells, das uns zwingt, sowohl nach innen hin unsere eigene Bevölkerung zu kolonisieren – vor allem die indigenen Volksgruppen – als auch nach außen hin schwächere Staaten zu kolonisieren.

Ashish Kothari: Radikale Ökologische Demokratie ist im Grunde eine simple Idee. Die heutige Form der Demokratie ist eine Repräsentative Demokratie und keine echte Demokratie, weil wir nur einmal alle 4 oder 5 Jahre wählen und es dann im Grunde den Gewählten überlassen, das zu tun, was für uns – angeblich – richtig ist. Und wir wissen, dass das oft nicht in unserem Sinne läuft. In einer radikalen oder direkten Demokratie geht es darum, dass jeder von uns Verantwortung übernimmt, Teil nimmt und das Recht hat, an Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen, Teil zu haben. Das ist der radikale oder direkte Aspekt dieser Demokratie. Aber die Entscheidungsfindung muss auch die Ökologie berücksichtigen und für soziale Fragen sensibel sein, sodass nicht die Hälfte der Menschheit im Stich gelassen wird. Radikale ökologische Demokratie ist also eine Form von Entscheidungsprozess, der auf Nachhaltigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und der Mitwirkung von allen beruht.
Dafür gibt es jede Menge Beispiele. Im Zentrum Indiens etwa gibt es ein kleines indigenes Dorf, das exemplarisch für diese Ideen steht. Die Leute dort sagen: In Delhi und Mumbai ist die Regierung, die wir wählen. In unserem Dorf sind wir die Regierung. Dieses Dorf verwaltet sich praktisch seit 30 Jahren selbst: Sie fällen Entscheidungen im Konsens, und der Staat kann dort nicht ohne Genehmigung des Dorfrats intervenieren. Sie bemühen sich auch, für ihre Entscheidungen eine adäquate Wissensgrundlage zu schaffen, die einerseiits auf ihrem lokalen, traditionellen Wissen beruht; auf der anderen Seite werden aber auch Menschen von außerhalb eingeladen, sodass es eine solide Grundlage gibt, um Entscheidungen zu fällen. Es gibt viele solcher Beispiele, wo Menschen den Entscheidungsprozess selbst in die Hand nehmen.

Fabian Scheidler: In den letzten zwei Jahrzehnten hat Indien erstaunliche Wachstumsraten erlebt. Was sind die Ökologischen und sozialen Folgen dieses Wachstums?

Ashish Kothari: Seit 1991 ist Indien in eine neue ökonomische Phase eingetreten und hat sich der Weltwirtschaft geöffnet – mit zum Teil sehr hohen Wachstumsraten. Wir haben das detailliert analysiert und herausgefunden, dass in praktisch allen wichtigen Bereichen – sei es Armut, soziale Ungleichheit oder Umweltbelastung, Arbeitsplätze oder Existenzsicherung – die Situation sich nicht nur nicht verbessert hat, sondern für die ärmere Hälfte Indiens sogar noch schlimmer geworden ist, als sie es je war. Selbst wenn die Löhne in einigen Fällen gestiegen sind, müssen die Menschen in vielen anderen Fällen immer mehr entbehren: gutes Essen, sauberes Wasser, saubere Luft, Zugang zu Bildung und Gesundheit. Wir stellen also fest, dass eine Vielzahl von ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Aspekten negativ beeinflusst wurden. Ökologisch sind wir klar auf einem nicht-nachhaltigen Kurs. Das zeigt sich in allen durchgeführten Studien; es zeigt sich auch daran, dass Indien zunehmend andere Länder kolonisiert – indem es sich des fruchtbaren Bodens, der Wälder und anderer Ressourcen von schwächerer Staaten bemächtigt. Indien, als ein Land, das 200 Jahre kolonisiert wurde und all die destruktiven Folgen davon erlebt hat, tut jetzt anderen dasselbe an – und zwar aufgrund eines ökonomischen Modells, das uns zwingt, sowohl nach innen hin unsere eigene Bevölkerung zu kolonisieren – vor allem die indigenen Volksgruppen – als auch nach außen hin schwächere Staaten zu kolonisieren.

Ashish Kothari: Radikale Ökologische Demokratie ist im Grunde eine simple Idee. Die heutige Form der Demokratie ist eine Repräsentative Demokratie und keine echte Demokratie, weil wir nur einmal alle 4 oder 5 Jahre wählen und es dann im Grunde den Gewählten überlassen, das zu tun, was für uns – angeblich – richtig ist. Und wir wissen, dass das oft nicht in unserem Sinne läuft. In einer radikalen oder direkten Demokratie geht es darum, dass jeder von uns Verantwortung übernimmt, Teil nimmt und das Recht hat, an Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen, Teil zu haben. Das ist der radikale oder direkte Aspekt dieser Demokratie. Aber die Entscheidungsfindung muss auch die Ökologie berücksichtigen und für soziale Fragen sensibel sein, sodass nicht die Hälfte der Menschheit im Stich gelassen wird. Radikale ökologische Demokratie ist also eine Form von Entscheidungsprozess, der auf Nachhaltigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und der Mitwirkung von allen beruht.
Dafür gibt es jede Menge Beispiele. Im Zentrum Indiens etwa gibt es ein kleines indigenes Dorf, das exemplarisch für diese Ideen steht. Die Leute dort sagen: In Delhi und Mumbai ist die Regierung, die wir wählen. In unserem Dorf sind wir die Regierung. Dieses Dorf verwaltet sich praktisch seit 30 Jahren selbst: Sie fällen Entscheidungen im Konsens, und der Staat kann dort nicht ohne Genehmigung des Dorfrats intervenieren. Sie bemühen sich auch, für ihre Entscheidungen eine adäquate Wissensgrundlage zu schaffen, die einerseiits auf ihrem lokalen, traditionellen Wissen beruht; auf der anderen Seite werden aber auch Menschen von außerhalb eingeladen, sodass es eine solide Grundlage gibt, um Entscheidungen zu fällen. Es gibt viele solcher Beispiele, wo Menschen den Entscheidungsprozess selbst in die Hand nehmen.

Fabian Scheidler: In den letzten zwei Jahrzehnten hat Indien erstaunliche Wachstumsraten erlebt. Was sind die Ökologischen und sozialen Folgen dieses Wachstums?

Ashish Kothari: Seit 1991 ist Indien in eine neue ökonomische Phase eingetreten und hat sich der Weltwirtschaft geöffnet – mit zum Teil sehr hohen Wachstumsraten. Wir haben das detailliert analysiert und herausgefunden, dass in praktisch allen wichtigen Bereichen – sei es Armut, soziale Ungleichheit oder Umweltbelastung, Arbeitsplätze oder Existenzsicherung – die Situation sich nicht nur nicht verbessert hat, sondern für die ärmere Hälfte Indiens sogar noch schlimmer geworden ist, als sie es je war. Selbst wenn die Löhne in einigen Fällen gestiegen sind, müssen die Menschen in vielen anderen Fällen immer mehr entbehren: gutes Essen, sauberes Wasser, saubere Luft, Zugang zu Bildung und Gesundheit. Wir stellen also fest, dass eine Vielzahl von ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Aspekten negativ beeinflusst wurden. Ökologisch sind wir klar auf einem nicht-nachhaltigen Kurs. Das zeigt sich in allen durchgeführten Studien; es zeigt sich auch daran, dass Indien zunehmend andere Länder kolonisiert – indem es sich des fruchtbaren Bodens, der Wälder und anderer Ressourcen von schwächerer Staaten bemächtigt. Indien, als ein Land, das 200 Jahre kolonisiert wurde und all die destruktiven Folgen davon erlebt hat, tut jetzt anderen dasselbe an – und zwar aufgrund eines ökonomischen Modells, das uns zwingt, sowohl nach innen hin unsere eigene Bevölkerung zu kolonisieren – vor allem die indigenen Volksgruppen – als auch nach außen hin schwächere Staaten zu kolonisieren.